Teil-Ganzes-Symmetrie

Teil-Ganzes-Symmetrie | geschlossener Wettbewerb Kunst am Bau | Auswärtiges Amt – Sprengturm im neuen Erweiterungsbau | Berlin |

Anna Gawronski, entwickelt mit SEPIA Professionals | 2022

Dir gegenüber keine Wand, sondern ein Bild. Dir gegenüber keine Fläche, sondern ein entrückter Raum. Die Elemente dieses Raumes arbeiten mit dem System, bewegen sich gegen das System, ordnen sich perspektivisch und brechen zugleich aus der Perspektive aus. Du schaust durch ein Fenster in ein anderes Fenster. Anders als bei vielen vertrauten urbanen Fensterblicken tauchst Du in eine farbige Welt ein — ohne Betongrau, aber nicht ohne Architektur.

 

Unser Entwurf ist ein formales Spiel mit dem gegebenen architektonischen Körper — zwischen Illusionismus der Malerei und Wirklichkeit der Architektur. Auf den vertikalen Flächen eines realen Quaders schweben unterschiedlich proportionierte und dimensionierte Farbkörper, die ihrerseits wiederum Quader sind. Die vorderen Kanten der perspektivisch konstruierten Farbkörper entsprechen dabei den realen Kanten des Betonquaders.

Durch variierende Rasterdichten sowie Überschneidungen entsteht eine räumliche Anmutung, die jedoch immer wieder gebrochen wird. Unsere Wahrnehmung schwankt zwischen Fläche und Raum. Das visuelle Spiel beginnt.

Gleichzeitig entwerfen wir ein buntes Kleid. Zu feiern sind die Farben dieser Welt. Ein schlichtes Bauteil wird zur Stele und zur Metapher für Vielfalt und freie Bewegung, für demokratischen Geist innerhalb komplexer und dynamischer Beziehungsgeflechte — ein geeignetes Symbol für die Arbeit des Auswärtigen Amtes der Bundesrepublik Deutschland.

Die Idee wird als Bild dauerhaft in ein gewachsenes Gebäudeensemble eingeschrieben — sichtbar vor Ort, zugleich aber auch als kubusartige Form über den Dächern von Berlin-Mitte.

 

Grundlegende Idee des Entwurfs ist die Dekonstruktion des Sprengturms. Mit den Möglichkeiten malerischer Flächenbearbeitung wird der Volumenkörper „Turm“ in vermeintliche Baukörper, Versatzstücke und Perspektivsprünge zerlegt. Der Turm muss sich verbiegen.

Die Kanten der Volumenkörper und die daraus entstehenden Licht- und Schattensituationen nutzt der Entwurf als Ausgangspunkt einer neu interpretierten Wandsituation. Die Körperkanten fungieren zugleich als Spiegelachsen für das Spiel zwischen realem und illusionistischem Raum. Durch farbliche Verschiebungen innerhalb symmetrischer, architekturhafter Farbkörper entsteht Plastizität.

Seinen Ursprung hat der Entwurf in einem Kalendersystem — einer Methode, Zeiträume zu strukturieren: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft.

Durch kontrastierende Untergründe entwickeln die vielfarbig gerasterten Parallelogramme — zu Quadern zusammengesetzt — eine komplexe Tonalität aus kühlen und warmen Klangräumen. Derselbe Farbton erscheint, abhängig vom jeweiligen Untergrund, stets verändert. Dieser malerische Effekt wird durch das Netz farbiger Rasterlinien zusätzlich gesteigert.

Im Entwurf existieren weder Schwarz noch Weiß. Stattdessen setzen wir ganz auf differenzierte Farbigkeit. Der Bildgrund entwickelt sich aus seiner eigenen Struktur heraus — über unterschiedliche Formulierungen hinweg bis zu den Quadern und den ihnen zugeordneten Dreiecken. Darauf beruhen Dynamik und Harmonie des Entwurfs.

Alles ist Klang.

 

– Anna Gawronski mit SEPIA Professionals

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