Die Untersuchung selbst geschaffener abstrakter Strukturen auf ihre Eigenschaften und Muster hin ist Aufgabe der Mathematik. Während sie dies mittels Logik versucht, verfolgt unser Bildprogramm denselben Ansatz mit Farbe und Form.
Der Entwurf einer Wandmalerei für den Neubau der TU Berlin (MATH) am Standort A02 entfaltet sich folgerichtig vor den Augen der Mathematik. Inhärente Prinzipien wie Wiederholung, Struktur, Spiegelung und Symmetrie schlagen seit jeher eine Brücke zwischen Ästhetik und Mathematik. Auch unser Bildprogramm für die künstlerische Gestaltung des gewählten Standortes entwickelt sich aus diesen Prinzipien heraus.
Grundlegend für den Entwurf ist die Idee eines sich über alle Etagen des Atriums hinweg abspulenden Ornamentbandes. Sichtbar wird dabei stets nur ein Ausschnitt eines größeren Zusammenhangs. Das System aus Formen und Farben bewegt sich gemäß seiner eigenen Regelhaftigkeit über die gedachte Bildfläche. An den Rändern verzahnt sich das Bild mit der Wirklichkeit.
Das Systemische des ornamentalen Bildes bleibt abstrakt und bietet dem Konkreten dennoch eine Bühne. Ähnlich verstehen wir die Mathematik: Auch sie findet stets eine konkrete Form — in den Wissenschaften ebenso wie im Alltag.
Die stark gerasterte Bauweise des Gebäudes wird im Bild spielerisch aufgegriffen, wirkt in den Luftraum hinein und lockert subtil die Strenge des architektonischen Baukörpers. An der Wand erscheint ein komplexes Geflecht aus perspektivischen Gebilden und davon losgelösten Flächen. Das Spiel zwischen Raum und Fläche ist eröffnet.
Fein gerasterte Flächen stehen im Kontrast zu monochromen Formen. Während die Rasterflächen auf der Untersuchung kalendarischer Systeme beruhen und differenzierte Muster zeigen, versuchen die monochromen Flächen eine perspektivische Ordnung zu manifestieren. Vermeintliche Quader entstehen, die sich wiederum in den Bildraum entfalten. Mal dominiert die räumliche Ordnung und Körper werden sichtbar, mal bleiben durch Überschneidungen lediglich fragile Formen zurück.
Über die große Wandfläche am Standort A02 wird das Bild mehrfach rapportiert, wobei die Farben nach einem der Farbpalette innewohnenden Prinzip verändert werden. Dadurch entsteht auf der 23,5 Meter langen Wandfläche keine Wiederholung identischer Ausschnitte.
Der Rapport basiert auf Diagonalen, inspiriert vom Schattenwurf auf der Betonwand. Die wechselnde Lichtsituation des Oberlichtbandes im Zusammenspiel mit den sich nach unten hin verändernden Farbwerten erzeugt einen besonderen Reiz und schafft eine visuelle Verbundenheit über mehrere Etagen hinweg — einer schmückenden Klammer gleich.
Die Veränderung von Perspektive und Standort wird durch subtile Verschiebungen der Farbigkeit erfahrbar. Der Rapport beziehungsweise das Bildband schließt mit der Ober- und Unterkante der Betonwand ab — könnte jedoch ebenso unendlich darüber hinaus fortgeführt werden.
Die beinahe reliefartig wirkenden Farbflächen verbinden sich mit dem Sichtbeton und machen ihn zu einem Teil des Bildes. Das Wandbild soll in eine harmonische Beziehung zum Farbkonzept der Architektur treten und ist in Eigenausführung geplant.
– Anna Gawronski mit SEPIA Professionals