Poesie | Planet der Pilze
Der Pilz war vor dem Menschen auf unserem Planeten. Prototaxiten — seltsame Organismen, die bis zu acht Meter hoch wuchsen — beherrschten im Erdzeitalter des Devons die damaligen Landmassen.
Schimmelpilze wachsen heute unbeeinträchtigt in der Schwerelosigkeit internationaler Raumstationen; ihre hohe UV-Resistenz wird inzwischen als Grundlage für nachhaltige Baustoffe erforscht — etwa für zukünftige Bauten auf Planeten ohne schützende Ozonschicht.
Das Mycelium, das Wurzelgeflecht des Pilzes, ist ein feiner, ständig wachsender und sich verzweigender Organismus. Zwischen den Wurzeln der Bäume kann es eine sogenannte Mykorrhiza bilden — ein natürliches Netzwerk, das Informationen von Pflanze zu Pflanze weiterleitet. Pilzsporen, die Pilze aktiv zur Vermehrung in den Raum schleudern, befinden sich überall; mit jedem Atemzug nehmen wir sie in uns auf. Aus dem naturbelassenen Innenhof des Umweltbundesamtes dringen fortwährend Sporen in das Innere des Gebäudes.
Was wäre, wenn sie sich dort ansiedeln und eine Symbiose mit dem Bau eingehen würden? Was wäre, wenn der Pilz über sein Netzwerk mit dem Gebäude kommunizieren und dessen architektonische Formensprache zum Ausdruck bringen könnte?
Idee | Pilzbefall
Der Eingangsbereich und das Treppenhaus sind „vom Pilz befallen“. Das Mycelium durchdringt die Wände des Umweltbundesamtes und bildet besonders dort Fruchtkörper aus, wo es schattig und feucht ist.
Details der Architektur werden gleichsam aus dem Gebäude herausgesogen und wachsen in neuer Interpretation aus den Wänden hervor.
Der Pilz ahmt den für Berlin typischen Stuck nach, ebenso weitere Objekte aus den Bereichen Architektur und Kommunikation. Manchmal behält er dabei die natürliche Form eines Fruchtkörpers.
Umsetzung | Pilz statt Plastik
Die einzelnen Kunstobjekte sollen aus Mycel-Baustoff bestehen, das Baumaterial wird aus Pilzfäden und Zellulose von agroindustriellen Rückständen hergestellt. Während das Mycelium die Nährstoffe verdaut, wandelt es sich in eine klebstoff-artige Substanz, welche ausgehärtet als Baustoff im Innenraum verwendet wird.
Zum Teil sollen aus vorgefertigten farbigen Myzel-Platten plane Stuckelemente ausgeschnitten werden; zum anderen Teil werden reliefhafte Formen selbst herangezüchtet. Negativformen werden mit dem Mycel-Gemisch gefüllt, das Mycelium wächst, verfestigt sich und wird anschließend getrocknet. Die natürliche Farbe des Produkts ist weißlich bis bräunlich gesprenkelt, die Elemente können aber farblich angepasst werde bzw. sind spannende Ergebnisse aus den geplanten experimentellen Anzüchtungen erwartbar, die im Prozess mit dem Auslober abgestimmt werden können.
Wir sehen eine gute Möglichkeit mit dem Baustoff zu experimentieren, um vor allem ästhetische Aspekte und Varianz weiter zu entwickeln. Schritt für Schritt kann der Baustoff angemischt werden und wachsen, aus den Resultaten können Schlüsse für weiter Züchtungen getroffen werden. Das Mycel ist auch imstande Materialien wie Pappe oder Textilreste zu überwachsen, auch hiermit wären Proben denkbar.
Seit Einreichung unserer Ideenskizze in der Bewerbungsphase bis heute sind neue Produkte eingeführt und verschiedene Berichte zum nachhaltigen Mycel-Baustoff erschienen. Trotzdem ist die Anzahl der Wissenschaftler, Designer und Künstler, die mit dem Baustoff arbeiten, recht übersichtlich. Ggf. kann das Projekt dazu beitragen, dieses nachhaltige Material vermehrt zu nutzen und eine prototypische Anwendung schaffen, um zunehmend umweltschädliche Baustoffe zu ersetzen. Ganz nach dem Leitsatz des UBA, „dem Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen, der Verantwortung für künftige Generationen und nachhaltiger Entwicklung“ wichtige Anstösse zu neuem Denken zu geben.
– Anna Gawronski mit SEPIA Professionals