Mein Onkel war Dichter. An seine Werke erinnere ich mich nur noch vage; geblieben sind mir eher die Geschichten und Anekdoten. So erzählte er einmal, er habe seine Schreibmaschine in die Spree geworfen — dort liege sie vermutlich bis heute auf dem Grund. Wer weiß, was alles in der Berliner Spree landet und über die Jahre von Schlick und Vergänglichkeit begraben wird.
Vielleicht ist es besser, dass der Fluss vieles verbirgt: seine eigene Geschichte eiszeitlicher Formungen, die frühe Siedlungsgeschichte, die später königlich-bürgerliche Prägung Charlottenburgs — und natürlich die Geschichten der Berliner:innen und ihrer Gäste. Mierendorff & Co. damals. Bunte Mischung heute. Alles drin.
Ganz stofflich wird dabei noch eine andere markante Eigenschaft des Flusses sichtbar: Hohe Werte an Zink, Chrom und Blei finden sich in den Sedimenten. Auch hier scheint die urbane Signatur eindeutig.
Würde man überdimensionale Sedimentproben aus der Spree ziehen, wären das Zeitalter des Menschen, die Geschichte Charlottenburgs und sicher auch die Gegenwart der Insel deutlich erkennbar. Zwischen natürlichen Ablagerungen träten Anomalien und Artefakte hervor — Spuren des Vergangenen und Zeugnisse der Gegenwart. Vielleicht zeichnet sich darin sogar Zukunft ab.
Die künstlerische Idee besteht darin, idealisierte Sedimente der Spree aus dem Boden der Insel wachsen zu lassen, diese als durch- oder begehbare Markierungen der Eingangssituation zum Rundweg zu ordnen und zugleich einen Bezug zu den vom Auslober beschriebenen Nutzungspotenzialen der Insel herzustellen.
Die vier charakteristischen Spitzen der Mierendorff-Insel sollen in verkleinertem Maßstab übertragen werden und als Grundriss für vier Sedimente dienen. Standort ist der ausgelobte Platz an der Gabelung des Weges sowie drei weitere Punkte rechts und links entlang des Weges in proportionaler Anordnung.
Als Material ist Stampflehm vorgesehen — als Reminiszenz an natürliche Baustoffe. In einer Schalung wird Baulehm mit mineralischen Zuschlägen aus Grobsand oder Kies geschichtet und Lage für Lage verdichtet. Durch dieses Schichten und Stampfen entsteht eine sedimentartige Struktur mit malerischen Qualitäten. Dabei können verschiedenfarbige natürliche Lehmarten verwendet werden; zusätzlich lassen sich künstliche Pigmentmischungen beimengen, um das Farbspektrum zu erweitern.
Aufgrund des Standortes ist eine graffitiresistente und wartungsarme Skulptur vorgesehen. Die Objekte sollen jeweils auf einem 2,5 Meter hohen Sockel aus gefärbtem Beton mit Graffitischutz errichtet werden, der sich zugleich als Teil des Gesamtbildes versteht. Die oberste Schicht besteht wiederum aus Beton, der als Abschluss und Wetterschutz für den Lehm dient. Abschließend wird ein Firnis aus Leinöl aufgetragen, der das Material zusätzlich witterungsbeständig macht.
– Anna Gawronski