Paul

Paul | geschlossener Wettbewerb Kunst am Bau | Berlin

16 Bronzefiguren | Schulgebäude und Sporthalle | Paul-Junius-Straße 69 | Berlin | Anna Gawronski | 2018

Sonnenstrahlen fallen auf das bronzefarben leuchtende Laub am Boden. Ein paar Schritte lang beobachte ich, wie meine Schuhe die Blätter zum Tanzen bringen, bis mein Blick zum leerstehenden Schulgebäude wandert und an den Ausgrabungen entlang der Fassade hängen bleibt.

Die Grundinstandsetzung hat bereits begonnen: ein Wirrwarr aufgeschütteter Erdhügel, abgesperrt mit Bauzäunen, eingekesselt zwischen OSB-Platten und hastig gezimmerten Lattenkonstruktionen.

Das Kolloquium beginnt. Bei der Begehung des Geländes stehen das helle Goldgelb der OSB-Platten und das warme Kupfer der Blätter im Kontrast zum strahlend blauen Himmel. Im Keller des Schulgebäudes riecht es nach feuchter Erde.

Während der Fragerunde kommt das Material Bronze ins Gespräch und dient fortan als Prototyp für schwere Materialien, um Fragen zur Statik zu klären.

Bronze. Ich denke über dieses Pseudonym nach. Das Jahr 2020, Berlin, Bronze? Passt das zusammen? So recht vorstellen kann ich es mir zunächst nicht.

Niemand hat die Absicht, eine Bronzestatue in Berlin zu errichten. Ich jedenfalls nicht. Eigentlich hatte ich vor, moderne Materialien auszuprobieren, dachte an ausdrucksstarke synthetische Farben; eine Lichtinstallation wäre interessant gewesen, „Robotic Art“ klingt schließlich schon als Begriff vielversprechend.

Dann blitzt das Bild der Erdhügel vor dem Gebäude wieder auf. Amüsant, dass Erde exakt die Farbe von Bronzestatuen besitzt. Und Bronze wird aus der Erde hervorgeholt, ist damit selbst irgendwie Erde — fast schon lyrisch. Für ein Objekt aus Erdhügeln wäre Bronze tatsächlich das ideale Material.

Ein Kind würde vermutlich sofort eine Erklärung für eine solche Szenerie finden: Ein Maulwurf hat diese Hügel aufgeworfen, dort ist er zu Hause. Dieser Gedanke lässt mich nicht mehr los.

So soll es also sein.

Über das gesamte Schulgelände hinweg möchte ich naturgetreue Maulwurfshügel aus Bronze arrangieren. Statt echter Maulwurfshügel im Grünen entstehen Bronzeabbilder ausschließlich auf gepflasterten Flächen.

Ein Spiel mit der Illusion. Wie in der Realität bleibt auch der Bronze-Maulwurf gut verborgen und muss zunächst gesucht werden. Fündig wird man im Souterrain des bestehenden Schulgebäudes — dort fühlt er sich bei den kreativen Köpfen der Schülerwerkstatt sicherlich wohl.

Im Übrigen heißt der Maulwurf „Paul“. Seinen Namen erhielt er von Herrn Paul Junius, Mitglied des Naturfreunde-Vereins.

Als Maulwurf Paul noch die benachbarte Kita „Paule“ besuchte, wurde sein Name verniedlicht; jetzt, wo er schon groß ist, darf man ihn Paul nennen. Paul würde sehr gerne die neu geplante Schule besuchen — doch in Berlin ist das bekanntlich gar nicht so einfach. Gut also, dass die Stadt diese Schule baut.

 

– Anna Gawronski

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