Vor langer Zeit besuchte ich mit meiner Familie Disneyland in Paris. Vier Tage lang lebten wir dort in einer perfekten Plastikwelt — mit Popcornverkäufern, als Trickfiguren kostümierten Angestellten und robotergleichen Gestalten, deren permanentes Dauergrinsen sofort ansteckend wirkte. Die meisten Attraktionen waren restlos überfüllt mit kreischenden Menschen; Maschinen rotierten in alle erdenklichen Richtungen, und je lauter das Geschrei ihrer Insassen wurde, desto schneller schienen sie sich zu drehen.
Dann betraten wir ein 3D-Kino.
Am Eingang des Saals bekam jeder eine bunte Brille in die Hand gedrückt. Natürlich setzte ich meine sofort auf und beobachtete erstaunt, wie alles um mich herum — zunächst der Flur, später der Kinosaal mit seinen Stühlen und der Leinwand — eine rot-blaustichige Färbung annahm. Die Welt schien plötzlich nicht mehr aus realen Gegenständen zu bestehen; alles flimmerte wie eine computergenerierte Projektion.
Als der Film begann, erhielt die flache Leinwand eine ungeahnte Tiefe. Figuren schienen regelrecht aus ihr herauszufallen, und die Horizonte der gezeigten Landschaften dehnten sich kilometerweit hinter die Leinwand aus.
Von Neugier angetrieben setzte ich die Brille wieder ab und blickte auf eine plane Fläche, deren verzerrte Figuren von rot und blau leuchtenden Konturen umgeben waren. Dieses unwirkliche Bild faszinierte mich fast noch mehr. Immer wieder setzte ich die Brille kontrollierend auf und ab und versuchte, dem Geheimnis dieser räumlichen Illusion auf den Grund zu gehen. Musste diese Tiefenwirkung im Zusammenspiel von Bild und Brille entstehen — oder war es vielleicht allein die Brille? Eine Art Zauberbrille, die Fiktion sichtbar machte und selbst der Wirklichkeit etwas Scheinhaftes verlieh?
Wenige Jahre zuvor hätte ich mir — mit einem aus Löwenzahn geflochtenen Kranz als Krone und einem Strohballen als Thron, Prinzessin spielend — niemals vorstellen können, der Fiktion nicht nur in der Fantasie, sondern auch in der realen Welt so nahe zu kommen.
Dem Fuchs, wie Sie ihn hier sehen, galt schon damals meine besondere Sympathie. Für mich war er ein Bote zwischen der realen und der imaginären Welt. So real er existierte, so häufig tauchte er zugleich in Märchen und Fabeln auf. Es erschien mir seltsam, so viel über ihn zu wissen und ihn doch nie wirklich gesehen zu haben. Deshalb schien es mir durchaus logisch, ihn auf dieselbe Realitätsebene wie ein Einhorn zu stellen.
So unglaublich real das 3D-Kino wirkte und zugleich vollkommen illusionär blieb, so paradox erschien mir auch die beinahe magische Gestalt des Fuchses.
Als Vorlagen für die Jacquardwebereien und Malereien dienten selbst erstellte digitale 3D-Fotografien. Diese nur auf dem Bildschirm flimmernden, unfassbaren Dateien versuchte ich in möglichst greifbare Materialien wie Garn und Farbe zu übersetzen.
Das eigentliche Ziel bestand darin, das dreidimensionale Geheimnis der Bildbearbeitung im Textilprogramm zu erforschen — die Ordnung der Bildpunkte, jede einzelne Ketthebung und -senkung sowie den Auftrag jedes Farbtons mit dem Pinsel, um die Illusion physisch erfahrbar zu machen.
Zugleich schien es fast, als wüsste der Webstuhl selbst, was er dort webte: Nachahmend formte er aus den Garnen reliefartige Strukturen, sodass die Webereien in eine tatsächlich sicht- und tastbare Dreidimensionalität hineinwuchsen.
– Anna Gawronski