Nicht weit von uns entfernt, direkt neben der Sodafabrik, wohnte ein alter Mann mit einer Angorakaninchenzucht und einem Alkoholproblem. Als er eines Tages meine Eltern besuchte, schlug er vor, ich könne mit ihm gehen und mir seine wunderschönen Angorakaninchen ansehen.
Wir machten uns auf den Weg. Auf dem kurzen Fußweg musste ich eher auf ihn achten als er auf mich, damit er nicht auf die Straße geriet. Die ganze Zeit lief er in einer so unkoordinierten Schlangenlinie, dass ich kichern musste.
Im Kaninchenstall angekommen, wurde mir mulmig. Im fahlen Licht sah ich durch die Gitter der vielen übereinander gestapelten Käfige die angeblich so schönen Angorakaninchen. Von allen Seiten starrten sie mich mit ihren blutroten Augen an. Am liebsten wäre ich sofort wieder hinaus- und nach Hause gerannt.
Doch da riss der Mann bereits eine Käfigtür auf. Die Kaninchen wurden aufgescheucht und flohen panisch vor seiner greifenden Hand durch den engen Käfig, als ginge es um Leben und Tod — eher um den Tod als um das Leben. Ihr wildes Hin- und Herspringen erzeugte ein dumpfes, trommelartiges Geräusch, während sie das Stroh so heftig aufwirbelten, dass das Licht im aufsteigenden Staub noch fahler wurde.
Schließlich gelang es dem Mann, ein großes Kaninchen mit schwabbeligem Doppelkinn fest im Nacken zu packen. In diesem Augenblick verstummte das dumpfe Hämmern ebenso plötzlich, wie es begonnen hatte. An seine Stelle trat eine Stille, die noch bedrohlicher wirkte.
Ich hörte meinen schnellen Atem, schluckte und versuchte bewusst, möglichst leise zu atmen.
Das Kaninchen schien wie paralysiert. Der Mann nahm es ohne Mühe auf den Arm und fragte mich, ob ich es nicht streicheln wolle.
Mein Atem stockte.
Um mir meine Angst nicht anmerken zu lassen, streckte ich gegen meinen Willen mechanisch die Hand aus und berührte mutig, aber vorsichtig das unerwartet weiche Fell. Dabei blickte ich dem Kaninchen fest in die Augen — bereit für den Moment, in dem es plötzlich aufspringen und mich angreifen würde.
Angorakaninchen
Blatt 4/30 aus Serie FOX DIN A4
– Anna Gawronski